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Interview “Brückenschläge”

17 April 2011

Im Interview mit dem Hochschulmagazin MEIER uni.extra spricht Annette Kehnel über  Brückenschläge zwischen Kultur und Wirtschaft und den aktuellen Sammelband der Reihe zum Thema “Kredit und Vertrauen”.

MEIER Wie kam es zum Begriffspaar “Kredit und Vertrauen”?

ANETTE KEHNEL Im Wesentlichen versucht dieses Begriffspaar, ein Übersetzungsproblem zu meistern. Im Lateinischen sind beide Begriffe identisch: credere heißt “glauben” und “vertrauen”. Im Italienischen wird für den credito bei der Bank der gleiche Begriff gebraucht wie für den Verlass auf einen Freund. Im Deutschen dagegen scheinen beide Begriffe zunächst einmal aus sehr unterschiedlichen Sphären zu stammen: Kredit aus der Ökonomie, Vertrauen eher aus dem menschlichen Nahbereich, aus familiären Beziehungen, wissenschaftlich beschäftigt sich die Psychologie damit – dennoch hängt beides auch eng zusammen: Wer einen Kredit vergibt, tut dies in der Regel in dem Vertrauen, dass er das Geld zurückbekommt.

MEIER Welche Bedeutung hat Vertrauen in der Ökonomie denn überhaupt noch in Zeiten der Finanzkrisen?

KEHNEL Eine ambivalente Frage. Einerseits wird die große Lehman-Brothers-Krise von 2008 immer wieder als Vertrauenskrise analysiert. Die Banken haben das Vertrauen in ihre wechselseitige Liquidität verloren, sich gegenseitig nicht mehr getraut. Das ist eine Seite. Andererseits wäre hier aber auch mehr Misstrauen, mehr Kontrolle ratsam gewesen – etwa, wenn wir uns an die windschiefen Bungalows erinnern, die als Triple A – also die höchste Kategorisierungsstufe des Kreditratings, Ausfallrisiko ist fast Null – auf dem amerikanischen Immobilienmarkt gehandelt wurden. Hier hätten Nachfragen, sagen wir ruhig hier hätte mehr Misstrauen geholfen.

MEIER Also ist Misstrauen durchaus ein positiver Wert?

KEHNEL Wichtig ist, sich noch einmal klar zu machen, dass Vertrauen kein Wert an sich, sondern ein menschliches Grundverhalten ist. Vertrauen hängt dabei sehr vom Faktor Zeit ab: Vertrauen spart Zeit, macht komplexes Handeln möglich. Negativ formuliert erfolgt Vertrauen aber auch manchmal aus Bequemlichkeit, Faulheit. Blindes Vertrauen ist gefährlich. Trotzdem ist der Ruf nach mehr vertrauensbasierten Geschäftsbeziehungen gerechtfertigt. Im Sammelband untersucht dies Josef Zimmermann am Beispiel des Hausbankmodells, das ja von der Idee der vertrauensgestützten, Generationen überdauernden Zusammenarbeit lebt. Ganz generell funktioniert Gesellschaft, funktioniert Alltag nicht ohne Vertrauen: Wenn Sie zum Interview in mein Büro kommen, muss ich darauf vertrauen, dass Sie nicht mit der Axt auf mich losgehen. Im Alltag müssen wir auf die Schwerkraft vertrauen und darauf, dass eine rote Ampel für alle Halt bedeutet.

MEIER Was bedeutet Vertrauen in der Wissenschaft?

KEHNEL Wir studieren im Vertrauen auf die Wissenschaft. Dort geht es immer noch um die Suche nach der Wahrheit. Diese lebt von dem Vertrauen in die uns angeborene Neugier, von unserer Sehsucht danach, den Dingen auf den Grund zu gehen. Früher zählte bei der Studienplatzwahl so etwas wie Reputation. Heute wird versucht, Faktoren zu objektivieren. Das erspart wiederum Zeit, indem man nicht mehr zu allen Unis reisen muss, an denen man eventuell studieren möchte, nicht mehr alles selbstständig recherchieren muss. Die Frage bei Rankings ist immer: Wie lässt sich Forschung, diese Suche nach Wahrheit messen? Zurzeit werden Fakten gesammelt. Die Anzahl von Publikationen oder wie oft Wissenschaftler von anderen Forschern zitiert werden, sollen Auskunft über ihre Forschungsleistung geben. Diese Rankings fördern jedoch oftmals Mainstream und sagen nicht über die Qualität von Forschung aus. Der Ranking-Gegner und Mannheimer Organisationstheoretiker Alfred Kieser schreibt, dass Wissenschaft frei sei und so auch nicht an Produktionsraten gemessen werden dürfe. Er zitiert den amerikanischen Physik-Nobelpreisträger Richard Feynman: “Science is like sex. Sure, it may give some practical results, but that’s not why we do it.”

MEIER Sie haben das Zusammenspiel von Kultur und Wirtschaft am Beispiel der Organisations- und Wirtschaftprinzipien mittelalterlicher Klöster und Orden erforscht. Mit welchem Ergebnis?

KEHNEL Die Klöster haben unglaublich lange überlebt und ökonomisch sehr gut gewirtschaftet. Sie haben jedoch nicht nur eine Form von Kapital akkumuliert, nämlich ökonomisches, sondern sich auch um soziales und kulturelles Kapital bemüht. Es wurde gebetet und gearbeitet. Das zeigt, dass der Mensch nicht nur zweckrational und für seinen Vorteil arbeitet, sondern auch andere Werte eine Rolle spielen. Der homo oeconomicus ist ein sehr einseitiges Modell. Die Forschung hat das schon vor Jahren erkannt und dieses Modell verworfen. Die öffentliche Wahrnehmung hält oft länger daran fest. Wissenschaftliche Mythen halten sich oft erstaunlich lange. Diese zu widerlegen und zu korrigieren, ist auch eine Aufgabe unserer Reihe.

MEIER In der Einleitung des Sammelbandes schreiben Sie: “Wirtschaft und Kultur bleiben im Gespräch. Wirtschaft braucht Kultur. Kultur braucht Wirtschaft. Die Gesellschaft braucht beides. Dieses Wissen wird an der Universität Mannheim großgeschrieben.” Das war in Mannheim nicht immer so, es gab viele Feindbilder, Geisteswissenschaftler haben den Wirtschaftswissenschaftlern misstraut und umgekehrt.

KEHNEL Gerade in den letzten Jahren gab es viele Schritte aufeinander zu, viele Brückenschläge. Die Universität Mannheim ist eine unglaublich dynamische Institution mit sehr aktiven Studierenden und innovativen Förderern. Die Bronnbacher Stipendien sind ein gutes Beispiel, der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft hat hier ein Zeichen gesetzt und ein studienbegleitendes Stipendium entworfen, um das Denken in Alternativen, an den Grenzen zwischen Kultur und Wirtschaft zu fördern. Die Erkenntnis, dass die Welt komplex ist, komplexer als beispielsweise die oft engen Grenzen wissenschaftlicher Disziplinen, schweißt uns zusammen.

Das Interview führte Christina Gehrlein (UNI-MEIER SS-11)

Rückblick: “Trust in the World of Finance”

25 November 2010

Am vergangen Montag, dem 22.11.2010, fand die Abschlussveranstaltung der Reihe „Kredit und Vertrauen“ für dieses Semester statt, welche unter dem Titel „Trust in the World of Finance“ stand. Zu diesem Zweck waren Dr. Hugo Bänziger (Member of the Management Board & Chief Risk Officer of Deutsche Bank AG) und Prof. Dr. Timothy Guinnane (Philip Golden Bartlett Professor of Economic History, Yale) eingeladen ihre Ansichten über die Bedeutung von Vertrauen für die Wirtschaft darzulegen. Durch die beiden verschiedenen Arbeitsfelder der Diskussionspartner ergab sich ein sehr gutes Spannungsverhältnis zwischen den Referenten, welches den interdisziplinären Ansatz der Veranstaltungsreihe unterstrich.

Foto von Marco Luciano unter CC

Hugo Bänziger erläuterte die Bedeutung von Vertrauen in anonymen Netzwerken, anhand von Negativbeispielen aus der Geschichte. Dabei nannte er auch die Grundvoraussetzung für Vertrauen, wie zum Beispiel gemeinsame Standards und Werte. Es seien jedoch auch gesetzliche Bestimmungen von Bedeutung. Timothy Guinanne erklärte hingegen die Funktion des Vertrauens und verwarf dabei Vorstellungen über sympathiegetragene Vertrauensverhältnisse in der Wirtschaft. Vielmehr sei das emotionslose Vertrauen in die Standhaftigkeit von gesellschaftlich-juristischen Rahmenbedingungen von Bedeutung. Beide Diskussionspartner waren sich also über die Bedeutung von Vertrauen einig, während jedoch differenziertere Ansichten über dessen Voraussetzung vorherrschten.

Foto von ML unter CC

In der anschließenden Diskussion mit dem Plenum wurde aufgegriffen wie Vertrauensverluste, die aus der Wirtschaftskrise resultieren, zu lösen seien. Dabei kamen die Vortragenden miteinander überein, dass Fehlentwicklungen beim Namen genannt werden sollten und besonders bei Bankenversagen regulierende Maßnahmen entscheidend seien. Besonders Dr. Bänziger war der Ansicht, dass Vertrauensverluste in wirtschaftliche Systeme häufig aus Inkompetenz seiner Kollegen im Bankenwesen resultieren würden. Zum Abschluss wurden noch weitere Probleme von gesellschaftlicher Tragweite diskutiert, wie zum Beispiel der demografische Wandel. Dabei wurde klargestellt, dass zur Erhaltung des derzeitigen breiten Wohlstandes in der Gesellschaft neue Wege und Denkweisen, sowie eine Umverteilung der Ressourcen notwendig seien. Auf mehreren Gebieten müsse die Effizienz gesteigert werden und jeder ein Stück Selbstverantwortung übernehmen.

“Kredit und Vertrauen” jetzt als Buch erschienen

23 November 2010

Der zweite Band aus der Reihe “Wirtschaft und Kultur im Gespräch” ist in diesen Tagen erschienen! Der Sammelband “Kredit und Vertrauen”, herausgegeben von Prof. Dr. Annette Kehnel, vereinigt vielseitige und interessant geschriebene Artikel von Autoren, die sich mit ihrer Expertise zum Thema Vertrauen in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Sphären hervorgetan haben und heute sehr gefragte Gesprächspartner zu diesem Thema sind.

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In “Kredit und Vertrauen” sind Größen aus der Politik, dem Kulturbetrieb, Werbefachleute und Banker, Wissenschaftler und Künstler zu Wort gekommen. Das Buch ist als “Fenster zum Wirken an der Universität Mannheim” konzipiert. So sollen also auch Außenstehende die Möglichkeit bekommen, sich über Forschungsschwerpunkte, Lehrinhalte und das kulturelle Geschehen an der Universität Mannheim zu informieren.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen und wird auch Lesern, die sich nicht zu den Fachleuten des Themas zählen, eine Freude bereiten. Das Buch “Kredit und Vertrauen” können Sie ab sofort bestellen, es wird also noch pünktlich zum Weihnachtsfest unter den Christbäumen liegen!

Weitere Details zum Buch und den Link zum Online Shop finden Sie hier