Leseprobe “Geist und Geld”: Götz Werner über Arbeit und Einkommen

11 Mai 2010 von Redaktion Kommentieren »

Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Sammelband “Geist und Geld”, der die spannendsten und interessantesten Thesen und Erkenntnisse aus der gleichnamigen Vortragsreihe enthält.

Mehr über die Vortragsreihe und den Sammelband “Geist und Geld”
Den Sammelband “Geist und Geld” bequem im Online-Shop bestellen

“Arbeit und Einkommen müssen von einander getrennt werden”, sagt der erfolgreiche Unternehmer Götz W. Werner.  Ein Auszug aus seinem Pladoyer.

Aktuelle Situation

Wovon frühere Generationen in unserem Land nur träumen konnten, ist Wirklichkeit geworden: Nie zuvor wurde die breite Bevölkerung so gut mit Gütern und Dienstleistungen versorgt wie heute. Wir produzieren insgesamt – wenn auch nicht alle daran ausreichend teilhaben – mehr, als wir verbrauchen können: Wir leben also in paradiesischen Zuständen.
Was diese Zustände für viele Menschen jedoch alles andere als paradiesisch macht, ist die einhergehende steigende Arbeitslosigkeit. Diese wiederum ist jedoch das Ergebnis der Optimierungen, die zu einer immer besseren Versorgung der Menschen geführt hat. Durch diese Optimierung ist der Arbeitsaufwand immer geringer geworden, denn der Erfolg unserer Marktwirtschaft beruht darauf, dass wir Maschinen und Methoden entwickelt und geschaffen haben, die uns den Teil der Arbeit, der automatisierbar ist, zunehmend abnehmen. Die derzeitig bestehende Arbeitslosigkeit resultiert also im Grunde aus einem großen Erfolg. Allerdings hat in unserer Gesellschaft ein zunehmender Teil der Menschen dadurch immer weniger zum Leben, und es ist zu befürchten, dass sich dies in naher Zukunft noch verschärft. Es drängt sich die Frage auf, ob das angesichts der hohen Produktivität nötig ist. Liegt der Engpass in unserer Leistungsfähigkeit oder in unseren veralteten Verfahren der Einkommenszumessung?

Hat die Ideologie „Arbeit für alle“ ausgedient?

Die traditionelle bezahlte Erwerbstätigkeit verliert für den Lebensunterhalt der Menschen an Bedeutung. Laut Statistischem Bundesamt gaben im April 2006 nur 39 Prozent der Befragten auf die Frage nach der wichtigsten Unterhaltsquelle die eigene Berufstätigkeit an. 15 von 82 Millionen Menschen leben in Deutschland derzeit aus anderen Quellen: von Erbschaften, Sozial- und Arbeitslosenhilfe, Schwarzarbeit oder Zuwendungen Dritter.
In der Politik gilt die Schaffung von Arbeitsplätzen zum Erreichen der „Vollbeschäftigung“ durch Wirtschaftswachstum weiterhin als oberstes Ziel. Die Probleme können jedoch nicht mit denselben Methoden gelöst werden, die diese Probleme verursacht haben. Es kann außerdem – so paradox das klingt – nicht die Aufgabe der Wirtschaft sein, Arbeitsplätze zu „schaffen“.
An diesem Punkt wird deutlich, dass nur ein radikales Umdenken bei gleichzeitiger Überwindung herkömmlicher Denkmuster aus der Sackgasse führen kann. Das Gewordene muss hinterfragt und neue Erkenntnisse müssen in die bestehenden Prozesse integriert werden. Aus dieser Einsicht resultiert die Forderung nach einem „bedingungslosen Grundeinkommen“.

Arbeit und Einkommen müssen voneinander getrennt werden

Im herkömmlichen, rein erwerbswirtschaftlichen Arbeitsbegriff sind Arbeit und Einkommen scheinbar notwendig miteinander verknüpft: „Wer essen will, muss arbeiten“. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch um eine überholte gesellschaftliche Konvention aus den Zeiten der Selbstversorgung. Tatsächlich sind unsere Arbeit und unser Einkommen heute bereits fast vollständig voneinander abgekoppelt: Anders als in der Selbstversorgung lebt niemand mehr von dem, was er mit seiner Hände Arbeit produziert. Wir müssen den Zusammenhang heute also neu fassen: Das eine ist unser Einkommen, das benötigt wird, um unsere Bedürfnisse durch Konsum befriedigen zu können, das andere ist unsere Arbeit, durch die wir uns in die Gesellschaft einbringen, um Leistungen für andere zu erzeugen. Wirtschaften ist durch die moderne Arbeitsteilung zu einem Füreinander-Leisten geworden.
Die Voraussetzung für einen solchen neuen Denkansatz ist ein grundsätzlicher Bewusstseinswandel, der die neuen Verhältnisse in unserer Gesellschaft berücksichtigt. Ein solches Umdenken hat Rudolf Steiner schon 1906 als notwendig erachtet. Er bezeichnete dies als ein soziales Hauptgesetz:
Das Heil einer Gesamtheit von zusammenarbeitenden Menschen ist umso größer, je weniger der Einzelne die Erträgnisse seiner Leistungen für sich beansprucht, das heißt, je mehr er von diesen Erträgnissen an seine Mitarbeiter abgibt, und je mehr seine eigenen Bedürfnisse nicht aus seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen anderer befriedigt werden. Worauf es also ankommt, ist, dass für die Mitmenschen arbeiten und ein gewisses Einkommen erzielen zwei voneinander ganz getrennte Dinge sind.

[...]

Werner, Götz W., Der „Geist der Freiheit“ und das „Bürgergeld“, in: Annette Kehnel (Hg.), Geist und Geld, Frankfurt a.M. 2009, S. 97–106.

Zum Video-Interview mit Götz W. Werner, das vom Spreeblick-Verlag bei der re:publica10 aufgezeichnet wurde

2 Kommentare

  1. julio sagt:

    Den Text finde ich sehr interessant. Götz W. Werner hat die Situation ziemlich gut analysiert.

Hinterlasse eine Antwort