Leseprobe “Geist und Geld”: Frank Merkel über Geist, Geld und unternehmerischen Erfolg

11 Mai 2010 von Redaktion Kommentieren »

Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Sammelband “Geist und Geld”, der die spannendsten und interessantesten Thesen und Erkenntnisse aus der gleichnamigen Vortragsreihe enthält.

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“Nach einer Zeit, in der sich der Geist primär auf Geld fokussierte, könnte das Pendel nun zu einem Geist schwingen, der das Menschsein in den Mittelpunkt stellt.” So die Aussage von Werbefachmann (Vorsitzender des Vorstands der WOB AG) und Strategieberater für externe und interne Kommunikation Frank Merkel.

Die Weltwirtschaft befindet sich in einem desaströsen Zustand. Ausgelöst von einer Finanzkatastrophe mit Beginn in den USA, leidet die gesamte Realwirtschaft unter bisher nicht vorstellbaren Einbrüchen. Politiker, Unternehmer und Wirtschaftsweise sind ratlos und überbieten sich im Ausmalen von Horrorszenarien. Verzweifelt suchen sie nach Lösungen, die Krise zu überwinden.
Fast alle Unternehmen versuchen, ihre Kosten zu reduzieren, die Staaten pumpen unterdessen Milliarden Euro in die Märkte, um das Schlimmste zu verhindern. Volks- und Finanzwirtschaftler suchen nach einem neuen Formelgerüst, während die Vorstände börsennotierter Unternehmen primär den nächsten Quartalsbericht im Blick haben. Kaum jemand wagt noch das Wort “Strategie” in den Mund zu nehmen – verspricht diese doch erst auf längere Sicht Ergebnisse. Und da die Unternehmen derzeit “auf Sicht fahren” und nichts riskieren wollen, haben sie keine Geduld, keinen Blick für längerfristige Planungen.
Kann es sein, dass in den vergangenen Jahren der Wirtschaftsgeschichte das Prinzip von Ursache und Wirkung aus den Fugen geraten ist? Wäre es möglich, dass man ausnahmsweise nicht aus endlosen Powerpoint-Präsentationen und Computersimulationen Erkenntnisse gewinnt, sondern aus der Beschäftigung mit den Gedanken großer Philosophen wie Platon, Kant oder Schopenhauer? Was wäre, wenn man entdeckt, dass die aktuell herrschenden Paradigmen in vielen Vorstandsetagen ungefähr so zutreffend sind wie die Erkenntnis, dass die Erde eine Scheibe ist?

Im Guten wie im Schlechten: Geist und Geld bedingen sich

Beginnen wir bei der Ursache des ganzen Dilemmas, der Finanzkrise. Sie resultiert aus der Vergabe von Krediten, die ohne Berücksichtigung der Kreditwürdigkeit unters Volk gejubelt wurden, gepaart mit dem Konzept, dass aus Schrott, geschickt verpackt, etwas Wertvolles wird. Hinzu kam die Vorstellung, dass dies dauerhaft gutgehe und niemand etwas merke. Man könnte Schopenhauer zustimmen, der die Auffassung vertrat, dass der ganzen Welt ein höchst unvernünftiges Prinzip zugrunde liegt. Für ihn war die Welt ein Jammertal. Derzeit bemüht sie sich, ihm in seiner pessimistischen Einschätzung recht zu geben.
Eine bestimmte Geisteshaltung verursachte also, dass das zunächst gewonnene Geld wieder zerronnen ist – eine Bestätigung für fehlgeleiteten Materialismus und pervertierten ontologischen Idealismus, nach dem eine Idee das Urmodell von Handlungen und Dingen ist. Niemand kann allen Ernstes eine Welt, die auf einer solchen Geisteshaltung beruht, als Zukunftsmodell befürworten. Für alle Pessimisten dieser Erde mag der pathologische Zustand der Finanzbranche als empirischer Beweis für das Schlechte im Wirtschaftsleben dienen. Das ist allerdings aus meiner Sicht eine zu enge Betrachtungsweise.
Die Grundlagen für Prosperität, die allen nützen, sind etwas anderes: Kreativität, die nach Problemlösungen sucht – und sie findet, ein Geist, der Menschen begeistert und zu Höchstleistungen motiviert, Ideen, die zu greifbaren Ergebnissen führen und alle Beteiligten stolz machen.
Antoine de Saint-Exupéry hat in einem Aphorismus die Kraft eines motivierenden Geistes beschworen, indem er sagte, dass es für den Bau eines Schiffes wichtiger sei, die Sehnsucht der Männer nach dem Meer zu wecken, als sie zum Holzsammeln anzutreiben. Lange bevor auch nur die erste Naht an Apollo 11 verschweißt wurde, begeisterte John F. Kennedy seine Nation mit dem Gedanken, dass ein Amerikaner der erste Mensch auf dem Mond sein wird.
Letztendlich basiert die Erfolgsgeschichte des breiten Wohlstands unserer Gesellschaft auf Gedanken, Ideen und Phantasie – eingebettet in unternehmerische Verantwortung. Hieraus entstanden und entstehen konkrete Produkte und Dienstleistungen. Als Belohnung für die gelungene Realisierung gab und gibt es Geld, für besonders Gelungenes sogar viel Geld. Auf diese Art konnten Reichtum erzeugt und Wohlstand auf eine breite Basis gestellt werden.
Platon stellte diesen Ansatz von Ideen als Urmodell für alles Sichtbare vor rund 2.400 Jahren auf. Zahlreiche Philosophen folgten ihm und setzten seine Gedanken fort. Insofern haben jeglicher Erfindergeist und alle Innovationen Vordenker mit höchster Reputation. Geist und Geld bedingen sich demnach durchaus – im Guten wie im Schlechten.

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Merkel, Frank: Über Ursache und Wirkung unternehmerischen Erfolgs, in: Annette Kehnel (Hg.), Geist und Geld, Frankfurt a.M. 2009, S. 107–114.

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