Leseprobe “Geist und Geld”: Carla Schulz-Hoffmann im Interview über Kunst, Mäzene und Sponsoren

11 Mai 2010 von Redaktion Kommentieren »

Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Sammelband “Geist und Geld”, der die spannendsten und interessantesten Thesen und Erkenntnisse aus der gleichnamigen Vortragsreihe enthält.

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“Kunst ist im Sinne von Karl Valentin ist schön, macht aber viel Arbeit”, so die stellvertretende Generaldirektorin der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und Leiterin der Pinakothek der Moderne Carla Schulz-Hoffmann im Interview:

[...]

Kann Kunst, die für einen Markt produziert wird, gute Kunst sein?

Die Frage ist falsch gestellt! Kunst, wenn sie gut ist, wird nie für den Markt produziert, allerdings von ihm vereinnahmt, was Künstler oft geschickt auszunutzen verstehen.
Damien Hirst beispielsweise, den ich in weiten Bereichen für überzeugend halte, versteht es perfekt, Marktmechanismen für sich zu instrumentalisieren und gleichzeitig kritisch zu unterlaufen. Das ist wirklich ein Extremfall. So hat er kurz vor der Bankenkrise einen riesigen Schwung neu produzierter Werke unter Umgehung seiner Galeristen spektakulär bei einer Auktion versteigert, ein Coup, der perfekt funktionierte und ihm gigantische Summen einspielte. Ist das skandalös? Oder zeigt es nicht vielmehr, wie „bescheuert“ der Markt selbst funktioniert, und führt damit diejenigen vor, die gierig genug sind, bei diesem Spektakel mitzuspielen?
Oder der umgekehrte Fall: Als in der gediegenen Royal Academy in London 1997 die Ausstellung „Sensation“ zu einem Skandal und damit einem riesigen Medien- und Publikumsspektakel wurde, hatte das nicht zuletzt mit einer raffinierten Marketingstrategie zu tun: Charles Saatchi, berühmter Werbemogul, Promoter und exzessiver Sammler zeitgenössischer Kunst, wählte gemeinsam mit dem Direktor als Plakat und visuellen Slogan der Ausstellung ein Bild von Marcus Harvey aus, das das Porträt einer Kindermörderin zeigt, „gemalt“ mit den Füssen kleiner Kinder, und sorgte damit nicht zuletzt wegen der massiven Proteste Londoner Eltern für Aufsehen. Die Ausstellung wurde zu einem Selbstläufer.

Ihre Antwort ist also ein klares Ja?

Ich fürchte: ja. Man muss akzeptieren, dass es außergewöhnliche Künstler gibt, die sich auch blendend vermarkten. Das war schon immer so, und wahrscheinlich hat uns erst die frühe Moderne weismachen wollen, dass nur – siehe van Gogh oder Kirchner – der verkannte, leidende Künstler ein wahrer Künstler sei. Aber davon unabhängig: Marktmechanismen sind die eine Seite, die andere sind Künstler, die “ihr Ding machen”. Wenn sie dabei permanent auf den Markt schielen würden, wären sie schnell draußen.

[...]

Wenn wir heute in die Uffizien oder in die Alte Pinakothek gehen, dann sehen wir Bilder, von denen wir wissen, dass sie bedeutend sind, weil sie über die Epochen hinweg nachhaltige Wirkung hatten. Die Zeit hat sozusagen schon eine Auswahl getroffen. Wie unterscheidet man in der Gegenwartskunst zwischen “guter” und “schlechter” Kunst? Was sind Ihre Qualitätskriterien für gute Kunst?

Unter den vielen möglichen Antworten vielleicht zwei: Kunst muss innovativ sein, darf nicht auf eingefahrenen Wegen epigonal verharren, und Kunst muss mich berühren, muss sich selbst und gegenüber der Welt einen kritischen Blick bewahren. Darin unterscheiden sich “gute alte” und “gute neue” Kunst nicht prinzipiell.

[...]

Schulz-Hoffmann, Carla: “Die Kunst braucht Mäzene, keine Sponsoren”, in: Annette Kehnel (Hg.), Geist und Geld, Frankfurt a.M. 2009, S. 22-35.

3 Kommentare

  1. Very interesting subject , regards for posting . “Not by age but by capacity is wisdom acquired.” by Titus Maccius Plautus.

  2. Henk sagt:

    Geffchle vertragen keienn Imperativ. Das aber we4re ein Vertrag: Er erzwingt ein bestimmtes Verhalten durch Einklagbarkeit (einer Strafe bei Unterlassung).Wenn nun aber die Geffchle, die freundschaftlichen, nicht mehr Basis dessen sind, was wir Jemandem tun, dann ist das auch keine Freundschaft mehr. Was tun wir einem Freund? Wir besuchen ihn bei Krankheit? Besuchsdienste gibt es auch gegen Geld. Die unterhalten uns, die lesen vor, die helfen im Haushalt, wenn der Kranke das mf6chte.Wir leihen dem Freund Geld? Geld gibt es auch schon gegen Vertrag von einer Bank.Um etwas vertragsgeme4df zu bekommen, kf6nnen wir heute unendlich viele Stelle anlaufen. An Vertre4gen mangelt es wahrlich nicht. Jeder Download einer App erfordert eigentlich die Lektfcre eines dutzendseitigen Vertrags. Jede Fahrkarte im Bus gekauft, geht auch mit einem Vertrag einher. Das BGB regelt Millionen Szenarien, in denen Vertre4ge zustande kommen, ohne dass wir es merken.Und nun auch noch ein Freundschaftsvertrag?Nein, danke! Wer mag, kann gern seine Freundschaft und die damit einhergehenden Verpflichtungen durch eine Blutsbrfcderschaft besiegeln. Am Ende sollte es aber eben eine Frage der Ehre sein, dass man diesen Verpflichtungen folgt oder eine Frage von Geffchlen.Und wer es verse4umt, diese Geffchle zu pflegen, die Freundschaft zu pflegen, der sollte nicht darauf hoffen, in der Not auf einen Freund zu bauen.Den Wert der Freundschaft in den heutigen Zeiten zu betonen, mag eine gute Idee sein. Sie aber mit einem Vertrag der Jurisdiktion zu unterstellen Nein, das halte ich ffcr vf6llig kontraproduktiv. Das Gegenteil sollte geschehen: In Zeiten der Regelungswut unze4hlicher Institutionen gilt es, die Freundschaft als freiwillige, uneinklagbare, auf Vertrauen beruhende Instanz zu ste4rken.

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