Leseprobe “Kredit und Vertrauen”: Annette Kehnel über Vertrauen als Kredit

5 November 2010 von Redaktion Kommentieren »

Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Sammelband “Kredit und Vertrauen”, der die spannendsten und interessantesten Thesen und Erkenntnisse aus der gleichnamigen Vortragsreihe enthält.

Mehr über die Vortragsreihe und den Sammelband “Kredit und Vertrauen”

“Wirtschaft und Kultur bleiben im Gespräch. Wirtschaft braucht Kultur. Kultur braucht Wirtschaft. Die Gesellschaft braucht beides”. weiß die Historikerin Annette Kehnel.

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Kredit und Vertrauen sind Begriffe des täglichen Sprachgebrauchs. Kredit – so die naheliegende Assoziation – gehört ins Bankwesen: Kreditgeber und Kreditnehmer trifft man im Bereich Finance. Kreditwürdigkeit und Kreditvergabekriterien werden geprüft und entwickelt. Kredite haben mit hartem Geschäft, mit Investitionen, mit Information, mit Schulden und mit Werten zu tun. Vertrauen dagegen gehört in den Bereich des Sozialen. Therapeuten, Sozialarbeiter, Pastoren, Eltern, Erzieher etc. sind zuständig. Vertrauen und Vertrauensbruch sind eher Themen fürs Sofa, für Paare, etwas Privates jedenfalls. Kredit und Vertrauen gehören verschiedenen Sphären des täglichen Lebens an.

Doch auch das Gegenteil lässt sich mit Fug und Recht behaupten. Kredit und Vertrauen gehören zusammen. Sprachgeschichtlich wurzelt der Kredit im lateinischen credere, heißt zugleich glauben und vertrauen. Creditum ist das im guten Glauben Anvertraute. Gemeinsam mit anderen Begriffen des Banken- und Finanzwesens wie „Giro“, „Konto“, „Bank“ oder „Kontor“ wurde „Kredit“ in Zeiten der wirtschaftlichen Expansion seit dem 13. Jahrhundert aus dem Italienischen in fast alle europäischen Sprachen übernommen. Kredit setzt Vertrauen voraus und zählt zu den Grundprinzipen des Wirtschaftslebens und der Geschäftsbeziehungen. Nur derjenige Kaufmann konnte langfristig Erfolg haben, dessen Ansehen (creditum) untadelig war.

Seit Beginn der Bankenkrise im September 2008, dem Zusammenbruch von Lehman Brothers, wird die Zusammengehörigkeit der Begriffe vermehrt betont. Die Krise – so die Argumentation in den Medien – sei durch mangelnde Kontrolle und blindes Vertrauen ausgelöst worden. Wie konnte es geschehen, dass so viele vernünftige, rational denkende und handelnde Privatleute, Banker, Investmentberater, Finanzexperten etc. in Wertpakete investierten und Wertpakete schnürten, die – im Nachhinein – mit ganz wenig Aufklärungsbedarf von jedem Kind als wertlos identifiziert werden können? Warum hat keiner die ungedeckten Tripple-A-Ratings hinterfragt? Wie kann der systematische Verzicht auf Information, wie kann das blinde Vertrauen der Fachleute erklärt werden? Eine Vertrauenskrise? Der massive Vertrauensverlust unter den Geldinstituten wurde als verhängnisvolle Folge der Finanzkrise erkannt. Vertrauen ist nicht länger Privatsache. Blindes Vertrauen, der Verzicht auf adäquate Information, die unkritische Gewährung von Krediten, fehlendes Vertrauen, missbrauchtes Vertrauen und der Verlust an Vertrauenswürdigkeit tauchen als Begriffe in jeder Fehleranalyse zur Krise auf.

Angesichts dieser widersprüchlichen Vielfalt am kollektiven Verständnishorizont lässt sich der Zusammenhang zwischen Kredit und Vertrauen folgendermaßen konkretisieren: Kredit im engeren Sinne (= die Überlassung von Geld oder Werten auf Zeit an einen Dritten) und Vertrauen (= ein Mechanismus der Komplexitätsreduktion, der Entscheidungen auch in unüberschaubaren Situationen ermöglicht) sind unmittelbar miteinander verknüpft. Besonders insofern, als wirtschaftliches Handeln ein Handeln in komplexen Zusammenhängen meint.

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Kehnel, Annette: Einleitung, in: Annette Kehnel (Hg.), Kredit und Vertrauen (Wirtschaft und Kultur im Gespräch 2), Frankfurt a.M. 2010, S. 9–10.

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