Leseprobe “Geist und Geld”: Annette Kehnel im Gespräch mit Künstlerin Iris Stephan

12 Mai 2010 von Redaktion Kommentieren »

Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Sammelband “Geist und Geld”, der die spannendsten und interessantesten Thesen und Erkenntnisse aus der gleichnamigen Vortragsreihe enthält.

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“Eigentlich würde ich gern leistungsbezogen bezahlt werden. Nicht immer nur mal hie und da ….”, gesteht Künstlerin Iris Stephan der Historikerin Annette Kehnel.

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Wie also verhält sich der Künstler in diesem Zwiespalt, in seiner Rolle als mehr oder weniger unfreiwilliger Marktteilnehmer? Was bedeutet Geld für einen Berufsstand, der keine materiellen, sondern ideelle Werte schafft? Was der Künstler anbietet, ist zunächst weder Dienstleistung noch Produkt. Er verkauft nicht sein Know-how, nicht die Aussicht auf Gewinne und auch keine Rezepte gegen tödliche Krankheiten. Was er anbieten kann, sind Ideen und Ideale, Fragen und Provokationen, Utopien und Alternativen, Schönheit, Außeralltäglichkeit, Aufbegehren, Freiräume, Begeisterung und Leidenschaft. Vielleicht genauer noch, die Aussicht auf Begeisterung und Leidenschaft, und immer auch ein bisschen Aussicht auf Unsterblichkeit.

Agostino Chigi, einer der wichtigsten Auftraggeber Raffaels, hat bis heute „überlebt“. Nicht in seiner Eigenschaft als der international erfolgreichste Banker seiner Zeit – was er zweifellos war. Den Nachruhm verdankt er vielmehr seiner Tätigkeit als großzügiger Förderer der bedeutendsten Renaissancekünstler Roms. Seine Kunstförderung wiederum bestand nicht in großzügigem Sponsoring, sondern darin, jenen Künstlern, die er vorfand und die er gut fand, lukrative Aufträge zu verschaffen. Er gab Kunst in Auftrag. Er bot Künstlern Gestaltungsräume an: Mauern, Altäre, Wände, Decken, Geld. Er behandelte Künstler wie Geschäftspartner und bezahlte sie nach ihrer Leistung dafür, dass sie Schönheit in seinen Häusern, seinen Kirchen und seinen Gemächern produzierten – dafür, dass sie seinen Glanz mehrten. Er bezahlte gut.

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Kehnel, Annette: “Mehr Geld – mehr Gold”?, in: Annette Kehnel (Hg.), Geist und Geld, Frankfurt a.M. 2009, S. 155–184.

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