Leseprobe “Geist und Geld”: Anna Kinder über Thomas Mann und dessen Reichtum

13 Mai 2010 von Redaktion Kommentieren »

Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Sammelband “Geist und Geld”, der die spannendsten und interessantesten Thesen und Erkenntnisse aus der gleichnamigen Vortragsreihe enthält.

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“Ach, Reichtum ist doch eine gute Sache, man sage was man wolle!”, stellte Thomas Mann fest. Lesen Sie weiter im Beitrag der Literaturwissenschaftlerin Anna Kinder.

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Die Situation der Familie wird in einem Bericht der Schwiegermutter Hedwig Pringsheim (in etwas verwegener Rechtschreibung) treffend resümiert:

„Daß mein Schwiegerson jetzt auf der Höhe seines Rums angelangt ist, wird dir vielleicht bekannt sein. Er hat Erfolg über Erfolg, seine Stellung nicht nur in der Litteratur, sondern auch in der Welt, ist glänzend, und Katja sonnt sich in diesem Glanz. Sie begleitet ihn sehr viel auf seinen Reisen und nimmt Teil an seinen Ehrungen. Sie sind auch die beiweitem ‚Pekuniärsten‘ in der ganzen Familie, und wärend wir, trotz unserm schönen Haus, das wir – leider – immer noch bewonen, recht arme Schlucker sind, schaffen sich Manns eben ein Automobil an und bauen sich eine Garage an ihrem Haus an: nobel.“

Thomas Manns Erfolg wächst unaufhaltsam, und damit auch sein Reichtum. Im Sommer 1929 erhält er ein Angebot des Verlegers Adalbert Droemer, der den Th. Knaur Verlag leitet, für eine wohlfeile Volksausgabe der „Buddenbrooks“ über 100.000 Reichsmark. Da Samuel Fischer sich jedoch hartnäckig weigert, die Verlagsrechte an den Konkurrenten freizugeben, erscheint die Ausgabe zum spektakulären Ladenpreis von 2,85 Mark schließlich bei Fischer selbst – und bringt Thomas Mann, wie einer detaillierten Aufschlüsselung der Honorierung in einem Schreiben Samuel Fischers zu entnehmen ist, im Zeitraum vom 1. Oktober 1929 bis zum 1. Juli 1930 insgesamt 125.000 Reichsmark ein.Das Geld fließt also bereits in Strömen, als im November 1929 die Nachricht von der Zuerkennung des Nobelpreises das Glück komplett macht. Wie Ricarda Huch frustriert feststellt, trifft es damit einen Kandidaten, „der ohnehin reich ist“. Und auch Heinrich Mann gesteht in einer Rundfunksendung, dass der Preis einen „ohnedies erfolgreichen Schriftsteller […] unter die Reichen“ versetzt. Thomas Manns führende Position im literarischen Betrieb der Weimarer Republik findet ihren Ausdruck in der gesellschaftlich allgemein anerkannten Größe Geld, denn, so der Bruder weiter: „Die Literatur bleibt, wie je, eine Macht; und da die Macht sich allgemein faßlich in Geld ausdrückt, so fällt ihr Geld zu.“ Das Preisgeld verwendet Thomas Mann hauptsächlich für private Zwecke; die Hälfte des Geldes deponiert er in der Schweiz.

Dies wird sich in den folgenden Jahren als weise Entscheidung herausstellen. Denn im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten sieht sich Thomas Mann im Frühjahr 1933 gezwungen, von einer Vortragsreise nicht nach Deutschland zurückzukehren und seine wohlgeordnete und behagliche Existenz hinter sich zu lassen. Zwar ist der Gang ins Exil für Thomas Mann mit finanziellen Verlusten verbunden, gerade im Vergleich zu vielen seiner Kollegen geht es ihm aber in all den Jahren außerordentlich gut. So stellt auch der mit ihm befreundete Schriftstellerkollege Hermann Hesse nach einem Besuch Thomas Manns in einem Brief Anfang April 1933 fest: „Bei ihm herrscht ja keine materielle Not, vorerst ist er in guten Verhältnissen.“ Sowohl in der Schweiz (1933–1938) wie auch in den USA (1938–1952) kann er seinen gewohnten Lebensstil aufrechterhalten: Die Familie bewohnt schöne, große Häuser, kann sich in Pacific Palisades eine eigene Villa errichten, ist stets mit einem eigenen Wagen versorgt und hat weiterhin Dienstpersonal.

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Kinder, Anna: “Ich habe ein Recht auf Comfort, zum Donnerwetter”, in: Annette Kehnel (Hg.), Geist und Geld, Frankfurt a.M. 2009, S. 233–257.

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